Geburtshilfe in Brandenburg: Regierungszahlen zeigen immer längere Wege in der Fläche

Bis zu 89 Minuten zur nächsten Geburtsklinik – von Ossowski fordert Gegensteuern vor weiteren Schließungen

Die Schließungen von Geburtsstationen führen in Teilen Brandenburgs zu deutlich längeren Wegen. Das zeigen erstmals detaillierte Fahrzeitdaten, die die Landesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage des WfB-Abgeordneten André von Ossowski vorgelegt hat.

Landesweit sank der Anteil der Brandenburgerinnen im Alter von 15 bis 49 Jahren, die innerhalb von 40 Pkw-Fahrzeitminuten eine stationäre Geburtshilfe erreichen können, nach den betrachteten Schließungen von 91,4 auf 90,5 Prozent. Hinter diesem Durchschnitt verbergen sich regional jedoch erheblich stärkere Auswirkungen.
Märkisch-Oderland und Uckermark zeigen das Problem in der Fläche.

Besonders deutlich werden die regionalen Unterschiede an zwei Beispielen:
In Märkisch-Oderland steigt in den ausgewerteten Gebieten nach der Schließung der Geburtshilfe in Strausberg die durchschnittliche Fahrzeit von 35,5 auf 51,1 Minuten – also um 15,6 Minuten. In einzelnen Gebieten beträgt die Verlängerung bis zu 24 Minuten. Für Neuhardenberg-Gottesgabe steigt die Fahrt zur nächsten Geburtshilfe beispielsweise von 35 auf 58 Minuten.

Im Boitzenburger Land in der Uckermark zeigt sich dagegen, wie angespannt die Erreichbarkeit in Teilen Brandenburgs bereits heute ist. Je nach Gebiet weist die Landesregierung Fahrzeiten von 70, 74, 80, 83 und bis zu 89 Minuten zur nächstgelegenen Geburtshilfe aus.

„Beide Beispiele zeigen das Problem: In Märkisch-Oderland sehen wir, wie schnell sich die Wege nach dem Wegfall eines Standortes verlängern können. Und in der Uckermark sehen wir Regionen, in denen Schwangere schon heute mehr als eine Stunde unterwegs sein können. Je dünner das Versorgungsnetz wird, desto größer sind die Folgen des nächsten Ausfalls. Genau diese Entwicklung müssen wir bei der weiteren Krankenhausplanung im Blick haben“, erklärt André von Ossowski.
Die Landesregierung räumt selbst ein, dass Konzentrationen für einzelne Menschen zu „individuellen Verschlechterungen“ führen können. WfB stellt zugleich nicht infrage, dass Spezialisierung, Kooperation und Konzentration angesichts von Fachkräftemangel und steigenden Qualitätsanforderungen notwendig sein können.
„Es geht nicht darum, jede bestehende Struktur um jeden Preis zu erhalten. Aber in einem Flächenland müssen medizinische Qualität und Erreichbarkeit gemeinsam geplant werden. Wir müssen weg von der isolierten Betrachtung einzelner Standorte und hin zu einer vorausschauenden regionalen Versorgungsplanung“, so von Ossowski.

Bernau zeigt: Die Entwicklung geht weiter.

Mit Bernau steht bereits die nächste Veränderung bevor. Nach Angaben der Landesregierung bestehen am Immanuel Klinikum erhebliche Schwierigkeiten bei der Sicherstellung des erforderlichen ärztlichen Personals. Eine Schließung der Gynäkologie und Geburtshilfe zum 30. September 2026 sei deshalb „unumgänglich“.
Dabei wurden in Bernau im Jahr 2025 noch 394 Kinder geboren. Der Standort liegt damit oberhalb des im geltenden Krankenhausplan genannten Orientierungswertes von 300 Geburten jährlich.

Besonders relevant: Die jetzt vorgelegten Erreichbarkeitsdaten berücksichtigen Bernau noch als bestehenden geburtshilflichen Standort. Die Auswirkungen der angekündigten Schließung auf die Erreichbarkeit sind damit noch nicht abgebildet.
„Bernau zeigt, dass wir die Diskussion nicht allein über Mindestfallzahlen führen können. Wenn ein Standort mit fast 400 Geburten wegen fehlenden ärztlichen Personals nicht fortgeführt werden kann, müssen wir früher erkennen, wo vergleichbare Entwicklungen drohen und wie sie regional aufgefangen werden können“, erklärt von Ossowski.

WfB fordert regionalen Versorgungscheck

WfB fordert deshalb vor weiteren wesentlichen Veränderungen der geburtshilflichen Versorgung einen regionalen Versorgungscheck. Dieser muss transparent zeigen, wie sich Fahrzeiten verändern, welche Kliniken die Versorgung übernehmen
und ob dort ausreichend Personal sowie geburtshilfliche, neonatologische und notfallmedizinische Kapazitäten vorhanden sind.
Zudem fordert WfB, die Erreichbarkeitsanalyse unter Berücksichtigung der Schließung in Bernau zu aktualisieren und ein Frühwarnsystem für versorgungsrelevante Personalengpässe zu entwickeln. Ziel muss sein, gefährdete Strukturen frühzeitig zu erkennen und regionale Lösungen zu entwickeln, bevor kurzfristige Schließungen praktisch unvermeidbar werden.

Klärungsbedarf besteht auch bei den Kapazitäten der verbleibenden Kliniken. Die Landesregierung kann nicht konkret beziffern, wie viele zusätzliche Geburten infolge der Schließungen an welchen Standorten erwartet werden. Gleichzeitig erklärt sie, Verlagerungen erfolgten nur, wenn die erforderlichen Kapazitäten vorhanden seien.
„Kooperation und Konzentration können Teil der Lösung sein. Aber bevor eine Leistung wegfällt, muss klar sein, wie die Versorgung danach verlässlich funktioniert. Wo Veränderungen Qualität und Versorgung dauerhaft verbessern, werden wir sie unterstützen. Wo Erreichbarkeit, Personal oder Kapazitäten nicht ausreichend geklärt sind, werden wir konkrete Lösungen einfordern“, erklärt von Ossowski abschließend.

Hintergrund:

Grundlage sind die Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage Nr. 1184 des Abgeordneten André von Ossowski (WfB) „Geburtshilfliche Versorgung in Brandenburg – Erreichbarkeit, Schließungen und Sicherstellung der Versorgung ab 2028“ sowie die dazu vorgelegten Fahrzeitberechnungen.